Marianne Sydow
 
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Marianne Sydow 2004-2007
 
Marianne Sydow
 
Ogawas Perlen
 
Science Fiction Roman
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Kapitel 14:
Sikkim / 1
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"Er ist nicht zu Hause", sagte Sikkims Wohnungstür.

Damit hatte Jonna rechnen müssen. Protektoren waren selten daheim.

"Hat er dir gesagt, wohin er gehen wollte?"

"Nein."

"System - nenne mir den derzeitigen Aufenthaltsort des Protektors Sikkim!"

"Ist nicht feststellbar."

"Hat er die Stadt verlassen?"

"Nein."

"Dann sitzt er also bei Tralman unter der Abschirmung."

"Das ist wahrscheinlich."

Also rief Jonna bei Sikkims Observer an.

Tralman meldete sich nicht.

"Er befindet sich im abgeschirmten Bereich", verkündete der Comco des Observers. "Möchten Sie eine Nachricht hinterlassen?"

"Eigentlich wollte ich sowieso nicht mit Tralman sprechen, sondern mit Sikkim", sagte Jonna. "Wenn er wieder zum Vorschein kommt, sage ihm bitte, daß er sich bei mir melden soll."

"Sikkim ist nicht bei Tralman", erwiderte der Comco.

"Wenn es nicht Sikkim ist - wer ist dann unter der Abschirmung?"

"Tralman."

"Und sonst niemand?"

"Ja."

Comcos waren fabelhafte kleine Geräte, aber manchmal war es gar nicht so einfach, ihnen eine vernünftige Antwort zu entlocken.

"Tralman ist also alleine", stellte Jonna fest. "War er es schon, als er den abgeschirmten Bereich betreten hat?"

"Nein."

"Aha. Wer war bei ihm?"

"Sikkim."

"Sikkim ist also herausgekommen, aber Tralman ist drinnen geblieben."

"So ist es."

Jonna seufzte.

"Wie lange ist das her?"

"Zwei Stunden und siebenunddreißig Minuten."

"Und wo ist Sikkim jetzt?"

"Das weiß ich nicht."

Und das System wußte es auch nicht.

Hier stimmt doch etwas nicht!

"Schick den Hund hinein!"

Tralmans Comco machte sich schweigend ans Werk.

Die "Hunde" der Observer waren kleine Maschinen, die unabhängig vom System agierten. Sie hatten weder optische noch akustische Sensoren, und sie beförderten keine Botschaften. Man konnte ihnen daher auch keine Informationen darüber entlocken, was unter der Abschirmung vor sich ging. Die "Hunde" hatten lediglich die Aufgabe, Aufmerksamkeit zu erregen. Ihr Erscheinen war ein Signal an jeden, der unter einer Abschirmung steckte: Gib bitte ein Lebenszeichen - nicht mehr und nicht weniger. Und das konnte sich selbst ein überempfindlicher Observer wie Tralman nicht verbitten.

Mehrere Minuten vergingen.

"Was ist los?" fragte Jonna schließlich.

"Nichts", erwiderte Tralmans Comco.

"Ist der Hund zurückgekehrt?" hakte Jonna ungeduldig nach.

"Nein."

Und damit wurde die Sache kompliziert.

Die Abschirmung war das, was man in früheren Zeiten als "heilige Kuh" bezeichnet hätte: Niemand durfte daran rühren, niemand sie durchbrechen. Im abgeschirmten Bereich fanden die Gespräche zwischen den Observern und ihren Klienten statt - Gespräche, die so vertraulich waren, daß sie nicht einmal für die Urnen der Betroffenen aufgezeichnet wurden. Unter der Abschirmung wurden die psychischen Wunden behandelt, die die Arbeit der Protektoren zwangsläufig mit sich brachte: Die Schuldgefühle, die Frustrationen, die Konflikte, die Folgen der Isolation und der Vereinsamung.

Normalerweise reagierten die Observer sehr schnell auf das Erscheinen eines Hundes. Es war ja auch keinerlei Aufwand für sie damit verbunden: sie brauchten den Hund nur kurz zu berühren - schon kehrte er um. Von diesem Augenblick an wußte man, daß der Observer wohlauf war und sich melden würde, sobald es ihm möglich war. Kehrte der Hund jedoch nicht zurück, dann bedeutete das zunächst mal nur eines: daß der Observer nicht auf sein Erscheinen reagiert hatte. Dann blieb der Hund einfach stehen und wartete ab.

Die Frage lautete nun:

Warum hatte Tralman nicht reagiert?

Vielleicht war der Mann einfach nur eingeschlafen. Vielleicht wollte er sich nicht melden. Aber möglicherweise war ihm auch etwas zugestoßen. Er konnte gestolpert sein, sich den Kopf angeschlagen haben und bewußtlos sein.

Oder er hatte einen Herzanfall erlitten: unter der Abschirmung funktionierten selbst die medizinischen Sensoren nicht, die im Notfall Alarm geben konnten, und das war nicht einmal eine Sicherheitslücke, denn ein Observer aktivierte die Abschirmung nur dann, wenn ein Klient bei ihm war. Trat ein Notfall ein, konnte einer von beiden etwas dagegen unternehmen. Ein Observer allein unter der Abschirmung, und das bei geschlossenen Türen, so daß er auch dem Comco im Vorraum nichts zurufen konnte - das gab es einfach nicht.

"Hast du Sikkim inzwischen gefunden?" fragte Jonna ungeduldig in Richtung System.

"Nein - ja."

"Was denn nun - nein oder doch?"

"Gerade eben hat er seinen Scanner benutzt. Er befindet sich in Shangrilah-West."

"Gib mir eine Verbindung zu ihm!"

Auf dem Bildschirm erschien das Innere einer Wartungsschleuse. Das äußere Schott war geöffnet. Eine große Tasche stand in der Öffnung und blockierte das Schott, so daß die Automatik es nicht schließen konnte. Sikkim stand an der inneren Tür. In der einen Hand hielt er den Scanner, mit der anderen zog er am Türgriff - zog und zerrte daran in der unverkennbaren Absicht, diese innere Tür zu öffnen.

Jonna betrachtete die Szene stirnrunzelnd.

"Was zum Teufel tut er da?" fragte sie das System. "Hat er einen bestimmten Auftrag?"

"Nein. Ich werde Alarm geben."

"Warte noch damit!" Sie schnappte sich den Scanner und rannte los, raus aus ihrer Wohnung und nach rechts, Richtung Bahnhof. "Gib mir Cheroux!"

Der Observer meldete sich sofort.

"Jean, mit Tralman stimmt etwas nicht. Er ist unter der Abschirmung. Sorge dafür, daß jemand nachsieht. Es eilt!"

"Ich bin schon dabei - es ist jemand unterwegs. Was, zumTeufel, hat Sikkim da vor?"

Jonna hatte die Vorhalle des Bahnhofs erreicht.

"Wonach sieht´s denn aus?" fragte sie bissig. "Ich bin auf dem Weg zu ihm. Laß mir eine Kapsel bereitstellen!"

"Schon erledigt!"

Das - dachte Jonna - war der Vorteil einer so langen und engen Form der Zusammenarbeit, wie sie und ihr Observer sie praktizierten: Sie verstanden sich ohne lange Worte.

Das System war in dieser Beziehung nicht so leicht zu handhaben.

"Ich muß Alarm geben!" meldete es sich beharrlich.

"Noch nicht!"

Jonna hetzte die Rampe hinab und sprang in die bereitstehende Transportkapsel.

"Shangrilah-West!" sagte sie. "Schnell!" Sie ließ sich auf einen der Sitze fallen und wartete, bis ihr Atem wieder ruhig ging. "Und jetzt muß ich mit Sikkim reden. Misch dich bitte nicht ein. Wenn du mir etwas mitteilen mußt, blende es mir als Schriftzug ein."

Das System sagte vorerst nichts dazu.

"Hallo, Sikkim", sagte Jonna, bequem zurückgelehnt und scheinbar ganz entspannt. "Wir haben uns lange nicht gesehen. Ich bin gerade auf dem Weg nach Shangrilah. Können wir uns treffen? Wir könnten mal wieder zusammen essen - was hältst du davon?"

Früher hatten sie das oft gemacht - miteinander gegessen, geredet, gelacht. Sikkim konnte sehr witzig sein.

Er hob den Scanner und starrte Jonna ins Gesicht.

"So - nicht!" sagte er sehr scharf, sehr akzentuiert.

Und dann wurde der winzige Schirm dunkel.

"Er hat alle Sensoren um sich herum blockiert", erklärte das System.

"Unterbrich die Verbindung zu seinem Scanner!" befahl Jonna.

"Nur sein Observer kann diesen Befehl geben."

"Das weiß ich", erwiderte Jonna ungeduldig. "Aber Tralman scheint momentan nicht in der Lage zu sein, seine Aufgabe zu erfüllen, und bis es uns gelingt, diese Frage zu klären, könnte es zu spät sein! Also unterbrich die Verbindung. SOFORT!!!"

Für einen Augenblick blieb es still.

"Die Verbindung besteht nicht mehr", verkündete das System dann.

Jonna atmete auf.

"Jetzt muß ich Alarm geben!" sagte das System.

"Das solltest du besser lassen. Du könntest damit eine Panik auslösen."

"Aber wenn es ihm gelingt, auch noch das innere Schott zu öffnen..."

"Dazu wird es nicht kommen", versicherte Jonna. "Kann dieses Ding nicht schneller fahren?"

Es gab einen Ruck. Jonna wurde gegen die Rückenlehne gedrückt. Die Kapsel schoß mit Höchstgeschwindigkeit durch den Tunnel.


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