Marianne Sydow
 
 
© Marianne Sydow
 
 
 
 


Grenzenlose Kommunikation
oder
Gefangen im Tarif-Dschungel

Der Tragödie 1. Teil: Telekom - Verloren in Zeit und Raum...

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der Tragödie 2. Teil:
Alice & Co: Multi furioso
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  Unser täglich Schwachsinn


Mein Internet war weg. Ganz plötzlich. Ich rief die Hotline an und erhielt die Auskunft, daß ich sowohl mein Telefon als auch mein Internet gekündigt hatte und man mich darum fristgerecht abgeschaltet hatte.

Hä??? Ich hatte nichts gekündigt!

Nach einigem Hin und Her stellte sich heraus, daß man meinen Tarif abgeschafft hatte. Ich hätte einen neuen beantragen müssen. Zu diesem Behufe hatte ich - so sagte man mir - drei Briefe erhalten. Ich hätte nur einen davon beantworten müssen, dann wäre alles glattgegangen.

Einen dieser Briefe habe ich tatsächlich gefunden: ein stinknormales Werbedings mit bunten Bildchen. Brief Nummer zwei habe ich offenbar nie erhalten. Brief Nummer drei, nüchtern und bürokratisch, kam pünktlich vier Tage nach erfolgter Abschaltung und enthielt die Aufforderung, schleunigst den neuen Tarif zu ordern, um mir den Vorteil eines nahtlosen Übergangs zu sichern. Ich füllte alles aus und fuhr den Wisch noch am selben Tag zur Post.

Davor und danach schlug ich mich mit den
vielgerühmten kostengünstigen Call-Centern herum. Die haben den hübschen kleinen Nachteil, daß du mit jedem Anruf bei einer anderen Dame landest, die von deinem speziellen Problem natürlich noch nie was gehört hat. Das wird sie aber nicht zugeben, sondern sich getreulich alles noch mal schildern lassen und dir versprechen, daß sie sich drum kümmern wird. Aber den Teufel was wird sie tun. Sie wird noch nicht mal einen Vermerk im Computer ablegen. Weil: in den meisten Fällen steht da längst, daß was gemacht wird, und es steht auch da, wann das gemacht wird. Das aber ist noch so lange hin, daß du´s nicht unbedingt wissen mußt, denn der Termin würde dich wahrscheinlich einem Herzinfarkt nahebringen. Also sagt man´s dir nicht, getreu dem Motto: der Kunde darf zwar alles bezahlen, aber er braucht nicht alles zu wissen.

Unterdessen rufst du ein Call-Center nach dem anderen an, wobei der Zentrale Computer dafür sorgt, daß du immer hübsch übers gesamte Bundesgebiet verteilt wirst (die haben verflucht viele Call-Center!). Brüllen nutzt nichts, Drohungen sind zwecklos, denn was du auch tust, wie sehr du auch jammerst, wie sehr du auch klagst, man füttert dich nie vor Mitternacht respektive gibt dir kein konkretes Datum, nie nicht, während im Hintergrund, für dich und mich und alle anderen Kunden unsichtbar, die Mühlen mahlen. Irgendwann, zum längst feststehenden Termin, kriegst du deine Verbindung geschaltet, deine Störung ausgebügelt, alles ist in Butter, und die Telekom baut einfach darauf, daß der dann grenzenlos erleichterte Kunde ganz von alleine aufhört, zu brüllen, böse Briefe zu schreiben, mit den Medien oder dem Rechtsanwalt zu drohen oder was einem sonst noch so alles einfällt.

Und meistens haben sie damit recht: nach einer solchen Tortur ist man so erschöpft, daß man bloß noch froh und dankbar ist, daß endlich alles funktioniert. Bis zur nächsten Störung. Dann fängt alles wieder von vorne an.

Das Blöde ist nur: bei allen anderen Anbietern läuft die ganze Chose auf genau dieselbe Weise ab. Und was du bei der Telekom mit den 0800er Nummern an Gebühren sparst, kriegst du über den höheren Preis wieder reingewürgt. Und ansonsten ist es sowieso egal, denn ob Freenet, Telekom oder Alice: das sind genetische Drillinge, alles dieselbe Suppe. Denn alle benutzen dasselbe Netz.

Immerhin hat die Telekom eine Zentrale, und die sitzt in Köln. Du kannst sie zwar nicht telefonisch erreichen, auch nicht per mail, aber du kannst Briefe schreiben. Am besten solche mit der Überschrift "Dienstaufsichts-Beschwerde". Beschleunigt zwar auch nichts, und du wirst auch niemals eine Antwort kriegen, aber du hast wenigstens das Gefühl, was Schriftliches in der Hand zu halten. Das beruhigt, ist aber ungefähr so viel wert wie ein Blatt Klopapier nach der Benutzung. Ansonsten hast du dann im Zweifelsfall noch die Möglichkeit, volles Rohr mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen und per notarieller Verfügung der Telekom die Schuld zu geben. Macht sich hübsch in Sendungen wie Monitor oder Frontal und ergibt einen eindrucksvollen Grabspruch.

Trotzdem - mein dsl funktioniet, ich habe keine Ausfälle. Also habe ich beschlossen, bei der Telekom zu bleiben - vorerst. Komme ja aus meinem 2-Jahres-Vertrag sowieso nicht raus. Obwohl mein Vertrag eine dsl-Geschwindigkeit von 4000 MB/sec enthält, ich aber de facto leider nur 100 kriege.

Da gibt es nur noch eines: man sucht sich eine schöne, einsame Landstraße, kurbelt das Fenster runter und schreit solange lauthals "Scheiße", bis man entweder heiser ist oder der Förster kommt. Oder ein empörtes Wildschwein, das ja auch nix dafür kann. Aber wenn man lange genug gebrüllt hat, fühlt man sich wohler.

Jedenfalls sagte man mir das.


© Marianne Sydow, 16.11.2010

 
 
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